Kirche am Meer

»Damals war´s...«


Fundstücke
aus der Kirchenchronik
1950

 

Wunderheiler Bruno Gröning
auf Wangerooge

Hintergrund: Bruno Gröning wurde 1906 in Danzig geboren. Er besuchte die Schule bis zur fünften Klasse, eine begonnene Zimmermannslehre brach er ab. 1949 rückte Bruno Gröning in den Blickpunkt der Öffentlichkeit, nachdem er angeblich einen an Muskelschwund leidenden Jungen geheilt hatte. Der geheilte Dieter Hülsmann starb allerdings 1955 an dieser Krankheit. Infolge dieser Heilung entstand Grönings Ruf als Wunderheiler, öffentliche Auftritte und Vorträge vor großen Menschenmassen folgten. Da sein Sekretär Verwandt auf Wangerooge hatte, hielt sich Gröning auch auf Wangerooge auf. Es gab Pläne, hier ein Heilzentrum zu erreichten. 1954 erhielt Gröning in allen Bundesländern Auftrittsverbot und eine erste Anklage wegen des Verstoßes gegen das Heilpraktikergesetz. 1958 erhielt er wegen des gleichen Vergehens eine Geldstrafe sowie Haft auf Bewährung. 1959 starb Bruno Gröning in Paris an einem Krebsleiden. - In der Kirchenchronik berichtet Inselpastor Voigt von einer Heilungsveranstaltung.

Bericht über eine »Massenheilung« des »Wunderdoktors« Gröning
am 16./17. Januar 1950
im Hotel Hanken
von Inselpastor Wilfried Voigt.


»Am Montagabend, d. 16.1.50 betrete ich gegen 21.30 Uhr den Saal des Hotels Hanken, der mit etwa 300 Menschen voll besetzt ist. Mein Platz wird mir in der 7. Reihe von vorne angewiesen. Anwesend sind im Saal meist Insulaner, teilweise mit Kindern. Anscheinend sind es hauptsächlich solche die der Inselarzt Dr. med. Siemens wegen kleinerer oder größerer Leid hergeschickt hat. Einige Auswärtige kommen später offenbar direkt vom Bahnhof, die meisten von ihnen müssen aber wegen Platzmangels wieder zurückgeschickt werden. Bleiben dürfen nur gelähmte, verkrüppelte Personen, Kinder und Erwachsene, auch Blinde und Schwerhörige. Alles Leute, die von ihrem Arzt als hoffnungslose Fälle »aufgegeben« sind. Im Saal geschieht zunächst nichts Besonderes. Man unterhält sich, und Zeitungen mit sensationellen Gröning-Nachrichten gehen von Hand zu Hand. Die Kinder werden allmählich müde.

Gegen 0.30 Uhr wird es plötzlich lebendig. Ein Herr tritt vor den Vorhang auf der Bühne. Es ist der Sekretär Grönings, ein gewisser Heumer, der Anweisungen für die Heilung bekanntgibt. Erforderlich sei ein Sich-versenken, ein In-sich-hineinhorchen. Man dürfe sich ja nicht ablenken lassen, sondern jeder müsse ernsthaft feststellen, was in ihm vorgehe. Jeder Kranke soll heute Egoist sein und seine Krankheit auf Gröning abwälzen. G. arbeite jetzt schon; auch wenn er körperlich nicht anwesend sei, so sei er doch »unter uns«. - Die Haltung soll entspannt sein: Hände auf die Knie legen, möglichst nicht anlehnen. Jeder Kranke bekommt eine von Gröning selbst gedrehte Silber-Papier-Kugel in die Hand. Die Reaktion werde verschieden sein: Hitzgefühl, Elektrizität, Schmerzen oder auch gar nichts. »Beobachten Sie dann, was in ihrem Körper vorgeht, und berichten Sie anschließend, wie Gröning Ihnen geholfen hat.« - H. berichtet weiter von Grönings hellseherischen Fähigkeiten: er sehe geradezu die Schmerzen, er könne zurückpeilen in die Vergangenheit und den Lebensweg des Betr. sagen. »G. kann nicht alle gesund machen. Er hat selbst gesagt: Es sind 10% da, an die komme ich nicht heran. Durch Einzelbehandlung ist allerdings bei manchem noch etwas zu machen.« Ein guter Rat: »Wenn Gr. zu jemandem sagt: Stehen Sie auf! und er antwortet: Ich kann nicht, dann bleibt er sitzen. Steht er auf, dann kann er auch gehen.«
- Heumer berichtet von angeblichen Fernheilungen Gs. Jeden Punkt der Erde könne G. durch seine Strahlen erreichen. Die Namen der Menschen sind ihm gleichgültig, selbst die seiner Mitarbeiter kenne er oft nicht, aber die Krankheiten kennt er. An einzelne Fälle könne er sich gut erinnern. Heumer schließt seine Feststellungen wörtlich: »Wie diese Heilungen möglich sind, läßt sich nicht erklären. Auch die Wissenschaft steht vor einem Rätsel. Es ist keine Hypnose, keine Suggestion, keine ... es ist überhaupt nichts, was wir erklären können. Aber muß man denn alles erklären können? Es ist etwas, was eigentlich gar nicht in solch einen Raum, einen Gasthaussaal hineingehört. Es gehört anderswohin!«

20 Minuten haben Hs. Ausführungen gedauert. Anschließend werden die »Silberkugeln« verteilt. Alles drängt sich, um ja eine abzubekommen. Dann tritt Ruhe ein. Alles sitzt gespannt in der angewiesenen Haltung. Erst nach etwa einer Stunde (!) nimmt die Unruhe wieder zu. Allmählich ist dasselbe Leben und Treiben wie vor 24 Uhr. Gegen 3.50 Uhr geht eine Bewegung durch den Saal. Der Sprecher verkündet von der Bühne, der Meister sei eingetroffen. Aber zuvor wolle einer noch berichten, wie er soeben von G. geheilt worden sei. Ein Mann tritt auf und erzählt seine Krankengeschichte: Lähmungserscheinungen an beiden Bainen, Krankenhausaufenthalte usw. Jetzt sei er hier geheilt worden. »Der Glaube an G. macht es mit. Ich danke Herrn G.« Daraufhin zeigt der Mann, wie er jetzt gehen kann und wie er früher an Krücken humpelte. Die Menge staunt!

Und nun tritt Gröning aus dem Vorhang selber heraus: »Guten Abend, meine Damen und Herren!« Nach wenigen Worten die Frage: »Haben Sie Schmerzen?« Einige melden sich. »Dann haben Sie Schmerzen gehabt!« Pause. »Wer von Ihnen hat jetzt noch Schmerzen?« Es melden sich schon weniger Leute. G.: »Beobachten Sie genau, was an Ihrem Körper geschieht. Sie werden alle besondere Vorgänge spüren. Erzählen Sie mir nichts von Ihrer Krankheit! Das (!) größte Reichtum, was der Mensch hat, ist die Gesundheit. Geld ist Dreck! Sind Sie bereit, mir Ihre Krankheit zu schenken?« Alle antworten: »Ja.« G.: »Sie erhalten etwas Besseres dafür wieder: die Gesundheit.« »Ich möchte Ihnen auch sagen, warum, wieso und weshalb ich dieses tue. Der Mensch ist in den letzten Jahren sehr, sehr schlecht geworden. Er hat den Glauben an unseren Herrgott verloren. Ich will den Menschen den wahren göttlichen Glauben wiedergeben. ... Ich könnte viel mehr tun als jetzt. Ich könnte dieses kleine Stückchen Erde, diese Insel so ansprechen (??), daß, wer den Boden dieser Insel betritt, gesund wird....« »Sie alle sollen nicht vergessen, daß Sie Kinder Gottes sind. Der größte Arzt ist auch unser Herrgott, nicht Gröning...« (Der letzte Satz ist annähernd genau wiedergegeben. Die übrigen sind von mir Klurzschrift wörtlich mitgeschrieben worden.)

G. erinnert an solche Kranke, die 20
- 30 Jahre lang vergeblich gebetet hätten und jetzt an Gott irregeworden sind. Er habe ihnen gesagt: »Ihr Beten war nicht umsonst!« Hierauf mit anschwellender, heiserer Stimme: »Ich sage nach wie vor: Liebet eure Feinde! Liebet euren Nächsten mehr wie euch selbst! Ich will, daß der Mensch seinen Mitmenschen achte. Zank und Streß, Haß und Neid muß begraben werden...« »Ich weiß, daß viele Menschen zur Kirche gehen und glauben, damit ihre Pflicht getan zu haben. Viele haben das Gotteshaus wieder verlassen und alles vergessen. Wenn ich das Gotteshaus betrete, muß ich auch wissen, wessen Kind ich bin. Wenn Sie jetzt zur Kirche gehen, dann zeigen Sie auch, daß Sie ein Kind Gottes sind; nicht von außen, von Herzen muss es kommen. Der Mensch muss wissen, daß er ein Kind Gottes ist.«

Damit beendet G. seine Rede und läßt seine Augen über die Versammlung schweifen, langsam von einem Ende zum andern. Schließlich fragt er: »Wer ist gehbehindert?« Es kommen einzelne, später mehrere auf die Bühne. G. gibt ihnen besondere Anweisungen (Gehbewegungen mit den Kranken, Armbewegungen, Kniebeugen usw.). Er nimmt immer wieder andere vor. So beginnt auf der Bühne ein allgemeines Gehen und Üben. G. macht teilweise Luftstreiche hinter den Leuten parallel zur Wirbelsäule des Kranken. Bei einigen lassen sich Fortschritte feststellen, die aber z.T. wieder nachlassen. An einem Gelähmten Kind lassen sich deutliche Erfolge feststellen. Eine Wangeroogerin, die damals mit auf der Bühne als Gehbehinderte war, erklärte mir Jahre später: »Ja, wenn man da oben so steht, dann denkt man, man könnte laufen. Aber nachher ist alles wieder wie vorher.«

In einem Augenblick, als oben auf der Bühne sehr viele Menschen herum stehen und ein Kommen und Gehen herrscht, versuche ich selber, mir oben in der Nähe ein genaues Bild zu machen. Rechts in einer Ecke steht Dr. med. Siemens. Als er mich sieht, kommt er mit verzücktem Gesichtsausdruck auf mich zu: »Ist das nicht großartig?« Ich sage, ich wolle das erst einmal genau sehen. Gröning hantiert im Hintergrund währenddessen mit Kranken herum. Links an der Seite sitzen und liegen Schwerbeschädigte in einem elenden Zustand. Mit einem Mal löst sich Gr., geht an diesen Mensch mit einigen Worten vorbei und strebt der Mitte der Bühne zu. Plötzlich sieht er mich, den er am Tag vorher beim Geburtstag von Dr. Siemens kennengelernt hatte. Er fixiert mich scharf von unten her. Dann gibt er mir fest die Hand: »Guten Abend, Herr Pfarrer!« ... »Ja, wenn die Menschen nicht wollen«, sagt er achselzuckend, »kann ich ihnen auch nicht helfen.« Dann. Verkündet er laut: »Die Vorstellung ist beendet ... Wer seine Krankheit hierläßt, wird geheilt werden.« Es ist 5.40 Uhr, im kleinen Kreis soll er noch weiter geheilt haben. Aber zufrieden war der Meister nicht von diesem Abend. Daher die Bemerkung von der »Vorstellung«, die beendet sei.«

Aus einem ebenfalls in der Chronik aufbewahrten Artikel aus der »Nordwestdeutschen Rundschau« vom 18. Januar 1950: »Wer vermag, diesen Menschen restlos auszuschöpfen? Betrachten wir Bruno Gröning als Phänomen dieser Zeit, die, in ihren Wurzeln krank, außergewöhnlicher Heilung bedarf.«

Artikel 18. Januar 1950 aus der
Nordwestdeutschen Rundschau